Margot & Rainer Binder: MARA-LESERBRIEFE
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Leserbrief zu So Ebbes am 26.März 2005

So Ebbes
lässt eine Erinnerung in mir aufsteigen, die sehr ungewöhnlich ist und mir bei vielen Vorträgen, die ich über Kunst gehalten habe, sehr geholfen hat. Es war 1962. Der außergewöhnlich schlaue Logiker war der Maurer und Gemeinderat Hägele. Was war geschehen? Die Architekten Wieland und Röhm waren mit den Planungen für die » Volksschule Eutendorf« fertig und suchten einen Künstler der die zur Straßenseite zeigende Außenwand gestalten sollte.
Da für die Gemeinderäte die Entwürfe relativ abstrakt waren, setzte eine Diskussion ein die immer heftiger wurde. Die Skulpturen wurden interpretiert vom Pfarrer mit der Bibel, der die Leviten liest bis zum Till Eulespiegel der „Dir“ den Spiegel vorhält und dann noch mit dem Prügel zuschlägt (rechte Figur). Die Sitzung wurde sehr lang und laut. Mitten in die Streiterei stand Gemeinderat Hägele auf und sagte Folgendes: (Die Namen, die ich jetzt nenne sind erfunden, weil ich sie nicht behalten habe):
„Also wenn der Karle das sieht, was er gerade braucht und der Emil den Spiegel vorgehalten kriegt, und so jeder das darin sieht, was für ihn wichtig ist, dann hat das mit Kunst zu tun.“
Weil nämlich auch unsere Kinder in zwanzig Jahren noch das darin sehen werden, was sie brauchen, muss das an unsere Schule.
Bei der Abstimmung wurde dann für diese Skulpturen gestimmt und ich erhielt den Auftrag.
Ich habe nie eine bessere Definition dessen, was Kunst ist, gehört. In meinen Vorträgen über Kunst und Gestaltung nimmt Herr Hägele bis zum heutigen Tag einen Ehrenplatz bei mir ein.
Für mich ist interessant wie der Bürgermeister die Lehrer einstuft und damit auch Auskunft über sein Interesse an Kultur gibt.

Rainer Binder Ottendorf